Zwischenbilanz zum Jahrestag: Selbstverpflichtungserklärung des deutschen Einzelhandels für mehr Nachhaltigkeit wird 1

Im Beisein von Bundesentwicklungsminister Müller unterschrieben Vertreterinnen und Vertreter des deutschen Einzelhandels genau vor einem Jahr im Rahmen der Internationalen Grünen Woche eine Selbstverpflichtungserklärung. Das Ziel: Arbeiterinnen und Arbeiter in globalen Agrarlieferketten sollen existenzsichernde Einkommen und Löhne erwirtschaften können. Nach einem Jahr steht ein erstes gemeinsames Projekt im ecuadorianischen Bananensektor in den Startlöchern. Zudem wurden wichtige Meilensteine über das Projekt hinaus definiert.  

„Sieben große deutsche Einzelhandelsunternehmen bekennen sich zu existenzsichernden Einkommen in ihren Lieferketten.  Es ist gut, dass im Lebensmittelhandel Bewegung ist. Das hätte vor kurzem noch keiner für möglich gehalten. Das zeigt auch, dass der Druck der Konsumenten wirkt." Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller beschrieb die Selbstverpflichtung von ALDI Nord, ALDI SÜD, REWE Group, Lidl, Kaufland, dm-drogerie markt und tegut als einen Meilenstein auf dem Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit in globalen Agrarlieferketten, als er den beteiligten Unternehmen zur Unterzeichnung im Rahmen der Internationalen Grünen Woche Anfang 2020 gratulierte. Der deutsche Einzelhandel hat eine starke Hebelwirkung auf produzierende und weiterverarbeitende Unternehmen. Durch ihre Einkaufspraktiken können sie darauf Einfluss nehmen, dass Kleinbäuerinnen und -bauern sowie Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit von dem Anbau von Agrarrohstoffen wie z.B. Kakao, Kaffee oder Baumwolle selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen und ihren Kindern eine schulische Ausbildung bieten können. 

 

Die unterzeichnenden Unternehmen haben die Bedeutung unternehmerischer Sorgfaltspflichten erkannt; vor dem Hintergrund, die alleinige Verantwortung für mehr Gerechtigkeit in globalen Agrarlieferketten nicht Verbraucherinnen und Verbrauchern zu überlassen, rückt das Thema verstärkt auf die Agenden der deutschen und europäischen Einzelhändler. So hat sich die Einzelhandelsgruppe auf Initiative des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gegründet. Ein Jahr nach der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung berichtet die Gruppe nun in ihrem ersten Fortschrittsbericht ausführlich über ihr Engagement und erste Erfolge. Ihr Ziel ist es, in der Selbstverpflichtung vereinbarte Maßnahmen praktisch umzusetzen. Dazu plant die Gruppe ein erstes gemeinsames Pilotprojekt. Ziel ist es, faire Arbeitsbedingungen und eine existenzsichernde Entlohnung für Arbeiterinnen und Arbeiter in der Bananenproduktion in Ecuador sicherzustellen. Einerseits will die Gruppe vor Ort aktiv werden und Arbeitnehmervertretungen in ihrer Verhandlungsmacht stärken sowie Monitoringsysteme etablieren, die eine regelmäßige Überwachung der Lohnentwicklung in den jeweiligen Bananenlieferketten ermöglichen.  Dirk Heim, Bereichsleiter Nachhaltigkeit Ware der REWE Group betont: „Menschenrechte dürfen nicht verhandelbar sein. Darum setzen wir uns als REWE Group seit Jahren dafür ein, Menschenrechte zu stärken, Arbeitsbedingungen zu verbessern sowie fairen Handel zu fördern. Ziel unserer Zusammenarbeit innerhalb der Arbeitsgruppe ist es, die Transparenz entlang globaler Lieferketten auszubauen sowie konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern umzusetzen. So schaffen wir gemeinsam eine Basis, um den weitreichenden Herausforderungen in vielen Anbauländern begegnen zu können.“ 

 

Die Einzelhändler möchten aber nicht einfach höhere Standards fordern, sondern diese über ihre Beschaffungspolitik gezielt unterstützen. Der offizielle Projektstart ist für das erste Quartal dieses Jahres geplant. In der ersten Phase bis Ende 2021 sollen Ansätze getestet und Lernerfahrungen gesammelt werden, die für eine nächste Phase sowie die Ausweitung des Projekts genutzt werden können. Die Übertragung der Erfahrungen auf andere Märkte wird so bereits in den Blick genommen. Auch der Launch eines „Pilotprodukts“ ist vorgesehen. 

 

Über dieses erste Projekt hinaus hat sich die Gruppe weitere ambitionierte Ziele gesteckt. So streben die Einzelhändler an, die Erfolgsfaktoren des Pilotprojekts für existenzsichernde Einkommen bzw. Löhne in weiteren Agrarlieferketten bzw. Sektoren umzusetzen. Zudem wollen sie Maßstäbe zur Realisierung und Überprüfung existenzsichernder Einkommen und Löhne definieren und praxisorientiere Ansätze identifizieren, um diese als Vertragsbestandteil in Lieferantenverträgen zu verankern. Um auch Verbraucherinnen und Verbraucher für fairen Konsum zu sensibilisieren, plant der Einzelhandel seine Kommunikation zu nachhaltigen Themen weiter auszubauen. 

 

Anke Ehlers, Managing Director Corporate Responsibility International, ALDI SÜD Gruppe, zieht auch im Namen von ALDI Nord nach einem Jahr der Selbstverpflichtungserklärung Resümee: „Wir sehen das gemeinsame Engagement der deutschen Einzelhändler als einen wichtigen, wirkungsorientierten Schritt, um globale Lieferketten nachhaltiger zu gestalten und die Lebensbedingungen aller Beteiligten in der Produktion weiter zu verbessern. ALDI wird als Teil der Arbeitsgruppe vor allem das Thema existenzsichernde Löhne und Einkommen in Agrarlieferketten noch intensiver angehen, um Menschenrechte zu stärken und Armut zu bekämpfen.“ 

 

Die Ziele lassen sich umso wirkungsvoller erreichen, je mehr Branchenvertreter an der Initiative mitwirken. Zu begrüßen wäre daher, wenn sich zukünftig auch diejenigen Unternehmen engagieren, die bislang keine klare Position für einen transformativen Wandel bezogen haben: „Viele Produkte, die wir anbieten, kommen aus der ganzen Welt. Uns obliegt damit eine Verantwortung für die Einhaltung der Sorgfaltspflichten in den Lieferketten, der wir uns aktiv annehmen. Langfristige Verbesserungen in Erzeugerländern, wie z.B. Einkommen und Löhne, können allerdings nur erreicht werden, wenn alle relevanten Akteure an einem Strang ziehen. Die Arbeitsgruppe bietet beste Chancen diese nachhaltigen Ziele zu erreichen, da hier alle Kräfte gebündelt werden.“ betont Sebastian Hertel, Bereichsleiter Einkauf International bei Kaufland.  

 

Deshalb sucht die Gruppe den Austausch mit weiteren deutschen Supermärkten wie EDEKA und Metro Gruppe sowie europäischen Einzelhändlern hinsichtlich einer möglichen Beteiligung an der Initiative, um die Hebelwirkung der Gruppe weiter zu stärken.