Bäuerinnen und Bauern in globalen Lieferketten sollen existenzsichernde Löhne und Einkommen erwirtschaften können. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich die „Arbeitsgruppe des deutschen Einzelhandels zu existenzsichernden Einkommen und Löhnen“ zusammengeschlossen. Mit der Unterzeichnung einer gemeinsamen Selbstverpflichtung auf der Internationalen Grünen Woche 2020 haben sich die Vertreter*innen des deutschen Einzelhandels dazu verpflichtet, sich aktiv für die Entwicklung und Umsetzung verantwortungsvoller Geschäftspraktiken in ihren globalen Lieferketten einzusetzen.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller bezeichnete den Zusammenschluss als einen Meilenstein auf dem Weg zu gerechteren globalen Lieferketten. Er beglückwünschte die beteiligten Unternehmen  ALDI Nord, ALDI SÜD, REWE Group, Lidl, Kaufland, dm-drogerie markt und tegut auf der Internationalen Grünen Woche 2020 nach der Unterzeichnung:

„Sieben große deutsche Einzelhandelsunternehmen bekennen sich zu existenzsichernden Einkommen in ihren Lieferketten. Es ist gut, dass im Lebensmittelhandel Bewegung ist. Das hätte vor kurzem noch keiner für möglich gehalten. Das zeigt auch, dass der Druck der Konsumenten wirkt."

Der deutsche Einzelhandel möchte mit dem Zusammenschluss seine starke Hebelwirkung nutzen, um positiv auf produzierende und weiterverarbeitende Unternehmen innerhalb ihrer Lieferketten einzuwirken. Er kann somit dazu beitragen, dass sich Kleinbäuerinnen und -bauern sowie Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit durch den Anbau von Agrarrohstoffen, wie z.B. Kaffee, Kakao, Baumwolle oder Banane einen angemessenen Lebensstandard erwirtschaften können.

Die Arbeitsgruppe hat für ihre Arbeit einen Handlungsrahmen definiert:

Existenzsichernde Löhne im Bananensektor

Am 9. Dezember hat die Arbeitsgruppe des deutschen Einzelhandels zu existenzsichernden Löhnen und Einkommen bei einem Kick-Off-Event offiziell ihre Aktivitäten im Rahmen des Pilotprojektes zu existenzsichernden Löhnen im Bananensektor vorgestellt. Nach Grußworten des ecuadorianischen Landwirtschaftsministers Pedro Álava González und des deutschen Botschafters in Ecuador, Dr. Philipp Schauer, stellen die Mitglieder der AG die geplanten Projektaktivitäten vor. Danach diskutierte Sarah Bollermann von ALDI SÜD in Vertretung der Einzelhandels-AG mit Sebastian Lesch vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Juan José Pons als Vertreter des Bananenclusters Ecuador, und Alistair Smith von Banana Link Erwartungen an das Projekt sowie Herausforderungen und Potenziale des Projektes.

Vision für den Bananensektor

Die Arbeitsgruppe ist davon überzeugt, dass es im gesamten europäischen Markt ein Handeln hin zu existenzsichernden Löhnen im Bananensektor geben muss, um einen nachhaltigen Wandel zu ermöglichen und den Menschen vor Ort eine sichere Lebensgrundlage zu bieten.

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe ALDI Nord, ALDI SÜD, Kaufland, Lidl, REWE Group und dm-drogerie markt haben sich daher auf eine schrittweise Integration von Living Wage Kriterien in das Bananenportfolio ihrer Eigenmarken geeinigt. Ziel ist es, proaktiv über verschiedene Maßnahmen zu einer Transformation des Bananensektors beizutragen.

Die Living Wage Kriterien sollen in 2022 im Rahmen eines partizipativen Dialog- und Konsultationsprozesses mit Lieferkettenpartnern und weiteren relevanten Akteuren entwickelt und pilotiert werden. Die Definition und Umsetzung der Kriterien soll auf dem Grundsatz von „shared responsibility, shared reward, shared risk“ zwischen den Akteuren der jeweiligen Lieferketten der jeweiligen Einzelhändler gestaltet werden. Eine zentrale Rolle spielen hierbei eine verantwortungsvolle Beschaffungspolitik des Einzelhandels sowie die Stärkung von Arbeitnehmer*innenvertretungen. Ab Frühjahr 2023 sollen die ersten Bananen in den Märkten der Einzelhändler mit frischem Bananenportfolio gehandelt werden, die die Living Wage Kriterien erfüllen.*

Die Bananenvolumina, die den Kriterien für existenzsichernde Löhne entsprechen, werden in den nächsten Jahren gemäß folgenden zeitlich festgelegten Meilensteinen erhöht:

Das Pilotprojekt

Startpunkt der Umsetzung der Brancheninitiative der deutschen Einzelhändler ist ein Pilotprojekt in Ecuador, das dazu dient Ansätze zu testen und eine Blaupause für die Skalierung in weiteren Bezugsländern zu entwickeln.

Die Arbeitsgruppe hat sich in einem ersten Schritt auf ein Pilotprojekt im ecuadorianischen Bananensektor geeinigt, da Ecuador für alle Mitglieder ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Bezugsland für Bananen ist. Das Projekt und die damit verbundenen Aktivitäten sollen 2023 auf weitere Bezugsländer ausgeweitet werden.

Lohnlückenanalyse als Grundlage

Auch wenn es Anhaltspunkte für eine relativ geringe Lohnlücke in Ecuador gibt, liegen genaue Informationen zur Lohnsituation der Arbeitenden in den Bananenlieferketten des deutschen Einzelhandels bislang nicht vor. Um einen umfassenden Überblick zur Lohnsituation zu erhalten, analysieren die Mitglieder zurzeit in enger Absprache mit Lieferanten und Produzenten die Lohnlücken auf möglichst all ihren Lieferbetrieben in Ecuador mit der IDH Salary Matrix. Lohndaten und Lohnlücken werden zudem von einer Drittpartei validiert. Die Ergebnisse sollen im Frühjahr 2022 in einem aggregierten Report veröffentlicht werden. Bis Ende 2022 plant die Arbeitsgruppe weitere Bezugsländer in die Lohnlückenanalyse einzubeziehen.

Schließung möglicher Lohnlücken

Finden sich auf einer Plantage Lohnlücken, wollen die Einzelhändler durch Zahlung eines individuellen Preisaufschlags zur Schließung der Lücke beitragen. Dies stellt eines der Kernelemente der Living Wage Kriterien dar. Die Ermittlung und Auszahlung des jeweiligen Preisaufschlags erfolgt individuell in Relation zu gemessenen Lohnlücke und den Bezugsmengen des jeweiligen Einzelhändlers auf der Plantage.

Um den nötigen Preisaufschlag im Rahmen eines partizipativen Ansatzes mit Produzent*innen und Arbeitnehmer*innenvertretungen berechnen zu können, hat die GIZ das „Living Wage Costing Tool“ entwickelt. Auf Basis von Lohnlückendaten können verschiedene Szenarien zur Reduzierung und Schließung von Lohnlücken unter Berücksichtigung der farmspezifischen Lohnstrukturen verglichen und ein entsprechender Preisaufschlag ermittelt werden.
Es soll insbesondere Produzent*innen helfen, Arbeitskosten zur Förderung existenzsichernder Löhne kalkulieren zu können und damit ihre Verhandlungsposition zu stärken. Im kommenden Jahr soll das Tool in Pilotmaßnahmen mit Produzent*innen, Lieferanten und Einzelhändlern getestet und auf Basis der Lernerfahrungen von allen Beteiligten weiterentwickelt und kontinuierlich verbessert werden.**

Erik Hollmann

 

Director Corporate Responsibility Quality Assurance International

 

“Unser Geschäftsmodell soll nicht auf Kosten Dritter gehen. Wir verstehen das Bananenprojekt in Ecuador als Ausgangspunkt, um langfristig die Zahlung existenzsichernder Löhne auch in anderen Beschaffungsländern zu erreichen. Für das Engagement des Handels im Rahmen der Freiwilligen Selbstverpflichtung zu existenzsichernden Löhnen und Einkommen ist es unerlässlich, ein Level Playing Field sicherzustellen. Die enge Zusammenarbeit mit relevanten Stakeholdern wie Wettbewerbern, lokalen Organisationen, Politik, Produzenten und Standardgebern ist der Schlüssel für ein erfolgreiches und nachhaltiges Vorhaben. Das Bananenprojekt in Ecuador ist ein wegweisender Ansatz, um die Menschenrechtssituation in anderen Beschaffungsländernlangfristig zu verbessern.”

Sarah Bollermann

 

Director Corporate Responsibility International

 

"Die Vision von ALDI ist eine nachhaltige Bananenproduktion, bei der die Kosten unter allen relevanten Stakeholdern des Sektors fair aufgeteilt werden und sichergestellt ist, dass höhere Preise für Bananen den Farmarbeiterinnen und Farmarbeitern direkt zugutekommen. Nur wenn alle zusammenarbeiten, können wir dies erreichen und die Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter nachhaltig verbessern."

Kerstin Erbe

 

Geschäftsführerin, verantwortlich für das Ressort Produktmanagement

 

"Nachhaltiges Handeln und soziale Verantwortung sind für uns bei dm-drogerie markt Teil unseres Selbstverständnisses. Daher arbeiten wir mit Partnern zusammen, die ökologische und soziale Verantwortung innerhalb der Lieferkette als vordringliche Aufgabe ansehen. Existenzsichernde Löhne sind für uns dabei integraler Bestandteil einer nachhaltigen Lieferkette. 
Die Einzelhandels-AG ist für uns eine Plattform, um zu Lernen und mit den teilnehmenden Unternehmen und der GIZ Synergien zu schaffen. Das Projekt in Ecuador sehen wir als Chance, praktische Erfahrungen zu sammeln und diese auf andere Lieferketten bzw. Rohstoffe zu übertragen."

Stefan Lukes

 

Geschäftsführer Einkauf International

 

"Arbeiter und Kleinbauern sollen sich um ihre Existenz langfristig keine Sorgen machen müssen – das ist unsere Vision und dafür setzen wir uns mit allen in unserer Verantwortung stehenden Mitteln ein. Aber alleine können wir dieses Ziel nicht erreichen: Nur durch die enge Zusammenarbeit aller wichtigen Akteure, so wie in diesem Projekt, können wir in den Produktionsländern wirklich einen Unterschied machen."

Christoph Graf

 

Geschäftsleiter Einkauf

 

"Faire Entlohnung ist ein grundlegendes Menschenrecht. Gemeinsam können wir im Bananensektor in Ecuador und weiteren Ländern ein richtungsweisendes Modell für existenzsichernde Löhne und Einkommen schaffen, das auf Transparenz, Zusammenarbeit und verantwortungsvoller Einkaufspraxis beruht. Damit erfüllen wir die Erwartung unserer Kundinnen und Kunden, bezahlbare Produkte anzubieten, die unter fairen Bedingungen für die Erzeugenden, angebaut wurden."

Eugenio Guidoccio

 

Geschäftsleiter Einkauf Obst und Gemüse

 

"Die REWE Group setzt sich seit Jahren gezielt für eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in Anbauländern ein, um speziell die wirtschaftliche Situation von kleinbäuerlichen Produzent:innen und Farmmitarbeiter:innen zu stärken. Es ist uns wichtig, innerhalb der INA gemeinschaftlich Lösungsansätze für die gesamte Branche zu entwickeln, die einen nachhaltigen Anbau unterstützen und die Situation der Menschen vor Ort konkret und dauerhaft verbessern. Unser Projekt in Ecuador ist für uns ein wichtiger Schritt, um unser Engagement für fairen Handel auszuweiten. Existenzsichernde Einkommen sind die Basis, um den weitreichenden Herausforderungen im Bananensektor begegnen zu können."

Dialog und Kooperation für eine verantwortungsvolle Beschaffungspraxis

Um skalierbare und verifizierbare Ansätze für eine verantwortungsvolle Beschaffungspraxis des Einzelhandels zur Förderung existenzsichernder Löhne zu entwickeln, ist die Arbeitsgruppe im engen Austausch mit verschiedenen standardsetzenden Organisationen. Im kommenden Jahr sollen auch in diesem Rahmen Pilotaktivitäten durchgeführt werden, zum Beispiel zur verifizierbaren Weitergabe des Preisaufschlags entlang der Lieferkette und zu Auszahlungsmechanismen auf Farmebene.

Parallel zu den Maßnahmen, die von den Einzelhändlern in ihrer Beschaffungspraxis ergriffen werden, sollen Arbeitnehmervertretungen und wo möglich auch Gewerkschaften in Ecuador in den Betrieben, die die Mitglieder der Arbeitsgruppe beliefern, geschult und gestärkt werden. Trainings in diesem Rahmen sollen einen geschlechterdifferenzierten Ansatz verfolgen und die Themen Arbeitnehmerrechte, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und die Stärkung der Rolle der Frau behandeln.

Gemeinsam mit der GIZ Ecuador ist die Arbeitsgruppe in einem regelmäßigen Austausch mit Produzenten, Lieferanten und weiteren relevanten Akteuren in Ecuador, um mit ihnen die Aktivitäten der AG zu reflektieren und ihre Ideen und Perspektiven einzubringen. Dieser Austausch soll im kommenden Jahr weiter verstetigt werden.

Durch das Bundeskartellamt geprüft 

Das Projekt wurde durch das Bundeskartellamt geprüft und als wettbewerbsrechtlich unbedenklich eingeschätzt. Die Gruppe setzt damit ein Zeichen für die Vereinbarkeit einer solchen Nachhaltigkeitsinitiative mit dem Kartellrecht.

* Gilt für alle Einzelhändler mit frischem Bananenportfolio. Im Falle von dm-drogerie markt – als Einzelhändler ohne frische Bananen im Sortiment – handelt es sich um Cavendish-Bananen die in Eigenmarkenprodukten verarbeitet werden.

** Es wird sichergestellt, dass durch die Nutzung des Living Wage Costing Tools keine unternehmensspezifischen Informationen über Preise oder andere strategische Informationen eines Mitglieds an ein anderes Mitglied weitergegeben werden.

 

Downloads:

Kontakt:

GIZ Deutschland: Nina Kuppetz, nina.kuppetz(at)giz.de

GIZ Ecuador: Ragna John, ragna.john(at)giz.de