Kleinbäuerliche Agrarlieferketten: Nachhaltigkeit ist (derzeit) nicht nachhaltig

In den vergangenen acht Monaten hat die Initiative für nachhaltige Agrarlieferketten (INA) an einem Aktions- und Forschungsprogramm mitgewirkt, das der Entwicklung einer rohstoffübergreifenden Verständigung zur Schaffung nachhaltiger kleinbäuerlicher Agrarlieferketten diente. Der Bericht zu den bisherigen Erkenntnissen wurde im vergangenen Dezember veröffentlicht. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse.

Das Projekt wurde ins Leben gerufen, um besser zu verstehen, was für die Schaffung wahrlich nachhaltiger kleinbäuerlicher Agrarlieferketten erforderlich ist. Im Rahmen des Projekts wurden zwei Ziele verfolgt: zum einen das Teilen der Erkenntnisse, die aus zahlreichen verschiedenen Lieferketten gewonnen wurden, und zum anderen die Einbringung neuer Perspektiven aus Bereichen wie Entwicklungs- und Politökonomie. Der Bericht stützt sich auf knapp 80 Interviews, die eine große Bandbreite an Lieferketten abdecken, unter anderem für Agrarrohstoffe wie Baumwolle, Obst und Gemüse, Milcherzeugnisse, Kaffee, Soja, Palmöl und Mais. Auch Vertreter der INA sowie die Partner der Initiative wurden interviewt.

 

Die Erkenntnisse zeichnen ein recht klares Bild der Situation kleinbäuerlicher Gemeinschaften, wobei die verschiedenen Lieferketten viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Die Landwirtinnen und Landwirte benötigen Unterstützung, damit sie ihre Agrarmethoden verbessern können; sie benötigen einen besseren Marktzugang, um ihre Preise maximieren zu können; sie müssen ihre Produktion diversifizieren; und sie benötigen eine bessere Unterstützung seitens der Finanzinstitute.

 

Ein entscheidendes Tool für die Meisterung dieser Herausforderungen ist das Zusammenbringen der Landwirtinnen und Landwirte, sodass sie im Rahmen von Genossenschaften oder sonstigen Kollektivverbänden zusammenarbeiten können. Mithilfe dieser Instrumente kann eine Basis für landwirtschaftliche Feldschulen zur Verbesserung der Agrarmethoden geschaffen werden. Zudem könnten die Landwirtinnen und Landwirte auf diese Weise ihre Produktion aggregieren, um auf größere Märkte zuzugreifen, höhere Preise zu erzielen und einen besseren Zugang zu Finanzierungen zu erhalten. Genossenschaften sind jedoch kein Allheilmittel und ihren Governance-Prozessen kommt eine wesentliche Rolle zu. Solche Gemeinschaften sind nicht zwangsläufig inklusiv und können die vorhandenen Kluften in der lokalen Gesellschaft widerspiegeln. Sie sind zudem anfällig für das Phänomen „Elite Capture“ und sehr arme Mitglieder sowie Frauen sind in den Führungspositionen häufig unterrepräsentiert.

 

Darüber, was mit der Ware auf ihrem Weg vom Bauernhof zum Hafen geschieht, ist allerdings viel weniger bekannt. Es gibt nur wenige Erkenntnisse über die Umweltauswirkungen dieses Abschnitts der Lieferketten oder über die Einkommenshöhe und die Arbeitsbedingungen der Menschen, die im Warenhandel und -transport tätig sind oder zum Beispiel in Packhäusern für Gartenbauerzeugnisse arbeiten. Wenn wir die Einkommensverhältnisse der Landwirtinnen und Landwirten verbessern wollen, warum dann nicht auch die finanzielle Situation der Menschen, die in anderen Bereichen der Lieferkette tätig sind?

 

Aus unseren Recherchen geht klar hervor, dass die Schaffung nachhaltiger kleinbäuerlicher Agrarlieferketten auch von einer Vielzahl komplexer, breit gefächerter Kontextfaktoren abhängig ist. Zunächst muss die Zusammenarbeit mit den Regierungen der Herkunftsländer intensiviert werden.  In vielen Ländern existieren keine einheitlichen Leitlinien für die Entwicklung landwirtschaftlicher Gemeinschaften und den Beratungsdiensten fehlen häufig die Mittel. Dabei kommt den Beratungsdiensten eine besondere Bedeutung zu, da diese Strukturen als Schnittstellen fungieren und die Landwirtinnen und Landwirte gezielter unterstützen könnten, während der derzeitige Ansatz sehr projektbezogen ist.

 

Es besteht auch Bedarf nach einer besseren Zusammenarbeit mit den Regierungen der sogenannten „Zielmärkte“ wie die EU, das Vereinte Königreich und die USA. Am offensichtlichsten ist jedoch die Notwendigkeit einer stärkeren Kooperation mit den Entwicklungsagenturen der Länder, für die die Landwirtschaft einen Schwerpunktbereich darstellt. Nichtsdestotrotz existieren noch andere schwerwiegende Probleme, denen wir uns widmen müssen. Zunächst gilt es, solche Initiativen wie die Arbeit der Europäischen Kommission im westafrikanischen Kakaosektor eingehend zu prüfen, um zu gewährleisten, dass sie in der Tat zweckmäßig sind. Außerdem müssen die Tarifstrukturen gerechter gestaltet werden, da derzeit im Kontext der Agrarrohstoffe die größte Mehrwertschöpfung nicht in den Herkunftsländern, sondern in den Zielmärkten stattfindet.

 

Dann besteht noch das Problem der Agrarmärkte an sich. Internationale Spot- und Terminrohstoffbörsen handeln mit größtenteils nicht differenzierten Rohstoffen. Es ist nicht klar, inwieweit diese Strukturen mit Nachhaltigkeit vereinbar sind und somit zur Reduzierung der Umweltauswirkungen oder zur Schaffung besserer Einkommensverhältnisse beitragen.

 

Wenn wir diese Probleme effizient handhaben wollen, müssen wir genau prüfen, auf welche Weise sich Änderungen umsetzen lassen. Derzeit lässt sich zweifelsohne behaupten, dass der aktuelle Ansatz für die Schaffung nachhaltiger kleinbäuerlicher Agrarlieferketten nicht nachhaltig ist. Dies hat mehrere Gründe:

  • Der derzeitige Ansatz ist projektbasiert. Um mehr bewirken zu können, benötigen wir einen ganzheitlicheren Ansatz.
  • Selbst diese Projekte lassen sich nicht effektiv und effizient miteinander verknüpfen. Um Synergien bilden zu können und unnützen Aufwand zu vermeiden, ist eine intensivere Zusammenarbeit erforderlich.
  • Wir müssen uns mit mehreren übergreifenden Themen auseinandersetzen, die wir bisher weitgehend gemieden haben. So sollten wir uns unter anderem folgende Fragen stellen:
    • Können kleinbäuerliche Agrarbetriebe überhaupt nachhaltig sein oder benötigen wir andere Modelle für die ländliche Agrarentwicklung?
    • Wie können wir das Kapazitäten- und Kompetenzproblem in den Regierungen der Gastländer angemessen handhaben?
  • Große Teile der Geschäftswelt betrachten die Nachhaltigkeitsagenda immer noch als irrelevant. Wir müssen unseren Dialog insbesondere mit den Beschaffungsteams und den öffentlichen Amtsträgern ausbauen und intensivieren.

 

Hierbei handelt es sich um große Herausforderungen, die sich nicht einfach oder kurzfristig meistern lassen. Aus diesem Grund besteht die nächste Phase dieses Projekts darin, dass wir praktische Maßnahmen für die Handhabung dieser Herausforderungen identifizieren. Solche Maßnahmen werden Folgendes beinhalten:

  • geografisch-spezifische Projekte für die Zuordnung globaler Erkenntnisse den jeweiligen Regionen.
  • eine Machbarkeitsstudie zu einem „nachhaltigen Warenmarkt“ mit der anfänglichen Erfassung der nachhaltig produzierten Waren, ihrer Produktionsmengen und ihrer Herkunft.
  • die Identifizierung der Strategien für ein wirkungsvolleres Einbeziehen der Beschaffungsteams von Unternehmen sowie der Aufbau eines umfassenderen „Unternehmensökosystems“, sodass die Nachhaltigkeit zu einem Faktor für Kaufentscheidungen wird.
  • die Identifizierung der Strategien für eine bessere Informierung der vorhandenen öffentlichen Initiativen über die Gegebenheiten vor Ort.

Derzeit wird erörtert, wie die INA in diese sich entwickelnde Partnerschaft eingebunden werden kann.

 

Die gesamte Studie finden Sie hier.