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Genderdimensionen im Agrarsektor

Gendergerechtigkeit ist ein wesentlicher Faktor für nachhaltige und inklusive Agrarlieferketten. Obwohl Frauen im Agrarsektor einen essenziellen Beitrag zu landwirtschaftlicher Produktion leisten, sind diese gleichzeitig von massiven Ungerechtigkeiten und Diskriminierung betroffen. Oft arbeiten sie in unregelmäßigen, informellen und vulnerablen Beschäftigungsverhältnissen. In der Kakaoproduktion der Côte d'Ivoire machen Frauen z.B. 68 % der Arbeitskraft auf Kakaoplantagen aus, verdienen jedoch nur 15 % des Einkommens aus der Kakaoproduktion. Ähnlich ist es in der Kaffeeindustrie, wo Frauen oft in weniger lukrativen Bereichen der Lieferkette tätig sind.

Zudem tragen Frauen aufgrund traditioneller Rollenbilder und sozialer Normen meist Verantwortung für Ernährung, Pflege und Gesundheit in ihren Haushalten. Diese Mehrfachbelastung von Frauen durch unbezahlte Haus- und Care-Arbeit schränkt ihre Teilhabe an Märkten zusätzlich ein.

Obwohl Frauen oft als “Rückgrat der Landwirtschaft” bezeichnet werden und einen zentralen Beitrag zur globalen Nahrungsmittelproduktion leisten, verfügen sie weltweit nur über 13,8 % der Landrechte. Für Kakao und Kaffee sind Landzugang, -besitz und ‑nutzungsrechte zentrale Bedingungen für die Teilnahme an der Produktion – allerdings stehen Frauen häufig vor sozio-kulturellen und rechtlichen Herausforderungen, um Land zu erwerben, z.B. durch das Gewohnheitsrecht und erzielen dadurch weniger Einkommen.

Valentine Nizeyimana sorgt mit viel Zeit und Geduld dafür, dass die Kaffeebohnen gleichmäßig von der Sonne getrocknet werden. © GIZ/Denyse K. Uwera

Weitere Geschlechterungerechtigkeiten zeigen sich in mangelndem Zugang zu Ressourcen, Technologien und Einkommen, sowie eingeschränkter Teilhabe an Entscheidungsprozessen.

Benachteiligung und Diskriminierung im Agrar– und Ernährungssektor erfolgt nicht nur auf Basis des Geschlechts, sondern auch aufgrund vieler weiterer sich gegenseitig verstärkenden Faktoren, z.B. Hautfarbe, Religion, Alter, Behinderung und sexuelle Orientierung.

Am Beispiel des indonesischen Palmölsektors, wird die Wichtigkeit eines intersektionalen Ansatzes deutlich, der neben dem Geschlecht auch andere Diskriminierungsfaktoren betrachtet: Dort sind indigene Frauen sowie Gelegenheits-, Wander- und migrantische Arbeiterinnen aufgrund ihres Geschlechts und ihrer ethnischen Zugehörigkeit in besonderem Maße von Ungerechtigkeiten betroffen. Hinzu kommt, dass sie meist nicht über Arbeitsverträge verfügen und damit einem hohen Risiko ausgesetzt sind, in massive wirtschaftliche und rechtliche Abhängigkeiten zu ihren Arbeitgebern zu geraten.

 Um eine nachhaltige Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen und Mädchen in Agrarlieferketten zu erreichen, ist eine Zusammenarbeit auf individueller, institutioneller und politischer Ebene von entscheidender Bedeutung. Gendertransformative Ansätze, welche zugrundeliegende soziale und kulturelle Gendernomen und Machtverhältnisse hinterfragen und auf deren Veränderung hinwirken sind notwendig, um eine geschlechtergerechte Agrarwirtschaft zu schaffen.

Ein Beispiel hierfür ist die geschlechtsbasierte Arbeitsteilung in Agrarlieferketten und die damit einhergehende Mehrfachbelastung von Frauen in der jeweiligen Zielgruppe zu thematisieren und gemeinsam neu zu denken.

Chancen von Gendergerechtigkeit in Agrarlieferketten

Das Empowerment von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen birgt ein enormes Potenzial. 
 
Gleichberechtigung der Geschlechter und Armutsbekämpfung gehen Hand in Hand als komplementäre Entwicklungsziele. Ein besserer Zugang zu Ressourcen wie Land und digitalen Tools, kann die Autonomie und den Status von Frauen in ihren Haushalten und Gemeinschaften stärken und ihre Teilnahme an profitableren Aktivitäten in Lieferketten fördern. Für Frauen und Mädchen kann dies zu steigenden Erträgen und Einkommen führen. Dies kann wiederum Katalysator für weitere Verbesserungen sein, beispielsweise im Bereich Ernährungssicherheit und Kinderernährung, da Frauen einen größeren Teil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. Zudem tragen die Einkommenssteigerungen von Frauen auch dazu bei, die Einkommenslücke des gesamten Haushalts hin zu einem existenzsichernden Einkommen zu schließen. Auf Gemeinschaftsebene kann die Teilhabe von Frauen an produktiven Aktivitäten zu einem verbesserten sozialen Status beitragen, was zu einem gewissen Grad auch diskriminierende Geschlechternormen herausfordern und ihre Transformation unterstützen kann.
 

Odette Murekatete von der ruandischen Kaffeekoperative Musasa bei der Aussaat neuer Kaffeesetzlinge. Gemeinsam mit den Frauen arbeitet die INA an der der Digitalisierung der Lieferkette ihres Spezialitätenkaffees mit Hilfe des von der INA entwickelten Tools INA Trace. © GIZ/Denyse K. Uwera

Die Berücksichtigung von Genderaspekten trägt nicht nur zur Erreichung sozialer Gerechtigkeit bei, sondern ist auch relevant für eine Verbesserung der Unternehmens- und gesamtwirtschaftlichen Performance. Die Einbindung von Frauen in Agrarlieferketten kann sich positiv auf Produktivität, Qualität und Produktionsvolumen auswirken, stärkt die Reputation von Unternehmen und eröffnet neue Marktchancen.

Insgesamt bietet der Abbau diskriminierender Strukturen für Frauen und andere marginalisierte Gruppen ein großes Potenzial für alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, Alter, Herkunft oder religiöser Zugehörigkeit. Das BMZ verfolgt in diesem Sinne eine feministische Entwicklungspolitik (FEP) und hat dazu im März 2023 eine Strategie vorgestellt.

Unsere Handlungsfelder

Im Genderteam der INA wird der Fokus auf zwei zentrale Handlungsfelder gelegt. Wir möchten Gendergerechtigkeit in globale Transformationsprozesse wie z.B. die EU-Regulierungsprozesse einbringen. Darüber hinaus wollen wir in Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft Gendergerechtigkeit in Agrarlieferketten fördern. Hierbei setzen wir auf Multi-Akteurs-Partnerschaften (MAPs) und Einzelmaßnahmen wie den Due-Diligence-Fund, um sicherzustellen, dass Genderaspekte entlang der gesamten Lieferkette angemessen berücksichtigt werden. Gendergerechtigkeit sehen wir in der INA aber vor allem auch als zentralen Bestandteil aller Aktivitäten und Prozesse und wollen hier in Zukunft einen Fokus in unserer Arbeit setzen.

Wie Unternehmen aktiv werden können

In unserer INA-Lunchbreak „On the way to gender equity and proper due diligence“ zeigen wir vor dem Hintergrund des deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetztes (LkSG) erste praktische Schritte zur Umsetzung von Gendergerechtigkeit in globalen Agrarlieferketten auf, z.B. durch die Integration von gendersensiblen Einkaufspraktiken, wie der Bekämpfung von sexueller Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz. Das Lieferkettengesetz verbietet Diskriminierung und Ungleichbehandlung in jeglicher Form. Zudem soll mithilfe der Einrichtung transparenter und zugänglicher Beschwerdemechanismen realisiert werden, dass Arbeitnehmer*innen sich besser gegen Ausbeutung und Machtmissbrauch wehren können. Die geplante europäische Lieferkettenregulierung geht noch einen Schritt weiter: Arbeitnehmer*innen sollen ihre Rechte dann auch vor deutschen und europäischen Gerichten einklagen können.  
 
Sehen Sie sich jetzt die Aufzeichnung und Präsentation der INA-Lunchbreak an:
INA-Lunchbreak zum Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz Teil 17

Intersektionalität

Intersektionalität beschreibt, wie verschiedene Gründe für Diskriminierung bei Menschen zusammenkommen (englisch intersection = Überschneidung) und sich dabei gegenseitig verstärken. Dies bedeutet, dass sich Diskriminierungen beispielsweise aufgrund von Geschlechtsidentität, sexueller Orientierung, Alter, Herkunft, Behinderungen, sozioökonomischem Status, ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit oder Zuschreibung nicht isoliert voneinander betrachten oder einfach addieren lassen, sondern an den Schnittstellen neue Formen der Diskriminierung entstehen. So wird eine Schwarze Frau beispielsweise nicht nur aufgrund patriarchaler Strukturen als Frau diskriminiert, sondern auch aufgrund von rassistischen Strukturen als Schwarze Person. Aus der Wechselwirkung der Machtsysteme Patriarchat und Rassismus entsteht eine neue Form der Diskriminierung als Schwarze Frau. (Quelle: FEP, S. 16)
 

Multilevel conceptualization of intersectionalty, © FAO, 2023
Gendertransformative Ansätze

Die feministische Entwicklungspolitik des Bundesentwicklungsministeriums setzt auf gendertransformative Ansätze, um geschlechtsspezifische Machthierarchien langfristig abzubauen. Dafür reicht es nicht, an den Symptomen von Geschlechterungleichheit anzusetzen.
Gendertransformative Ansätze gehen die Ursachen von geschlechtsbezogenen Ungleichheiten an. Dazu zählen beispielsweise diskriminierende Gesetze, ungleiche soziale Normen und Praktiken, diskriminierende Einstellungen und Geschlechterrollen und -stereotype, die aus patriarchalen Machtverhältnissen hervorgehen.
 

Gendertransformative Vorhaben setzen sich beispielsweise kritisch mit gängigen Männlichkeitsbildern auseinander und beziehen dafür auch männliche Akteure ein. Damit grenzen sich gendertransformative Ansätze von gendersensiblen Ansätzen ab, die zwar die spezifischen Bedürfnisse der Geschlechter systematisch in Maßnahmen integrieren (beispielsweise durch die Bereitstellung von Betreuungsmöglichkeiten für Kinder während Trainings), aber nicht darauf abzielen, bestehende geschlechtsspezifische Ungleichheiten aktiv zu verändern. 
 

Die Integration von gendertransformativen Ansätzen in die Planung und Umsetzung von entwicklungspolitischen Maßnahmen ist zentral für die Umsetzung der feministischen Entwicklungspolitik. Auch diverse nationale, internationale oder europäische Referenzdokumente zur Gleichstellung der Geschlechter heben die Bedeutung von gendertransformativen Ansätzen für die Entwicklungszusammenarbeit hervor, beispielsweise der dritte EU-Gender-Aktionsplan (EU GAP III).