Projekttagebuch – Geschichte 2

Das Projekt Cotton4Impact arbeitet daran, die Lieferkette der Baumwolle lückenlos über Spinnereien und Entkernungsfabriken bis auf die Felder einzelner Bäuerinnen und Bauern zurückzuverfolgen. Das soll zum einen langfristig die Nachfrage nach Baumwolle aus Afrika sichern und zum anderen das Einkommen der Bäuerinnen und Bauern steigern. Für die Rückverfolgung kommt eine digitale Lösung zum Einsatz, in der die benötigten Informationen erfasst, weiterverarbeitet und der Lieferkette zur Verfügung gestellt werden können.

Datenerhebung in Lieferketten ist nicht neu. Auch bislang mussten Lieferungen erfasst werden, allein schon, damit die Lieferant*innen Geld für ihre Ware bekommen. Die Baumwollentkörnerei Ivoire Coton, die im Nordwesten von Côte d’Ivoire mit 1.200 Erzeuger*innen im Schnitt 60.000 Tonnen Rohbaumwolle im Jahr verarbeitet, hat selbstverständlich seit Geschäftsaufnahme 1998 Daten erfasst – allerdings auf Papier. „Bis diese Daten den Verantwortlichen tatsächlich zur Verfügung stehen, dauert es ein bisschen”, erklärt der Agrarwissenschaftler Vassiriki Kone von Ivoire Coton. “Wenn man schnell Entscheidungen treffen muss, hilft uns das nicht weiter.” Wenn man zusätzlich noch die direkte Kommunikation zu den Bäuerinnen und Bauern herstellen will, ist das auf dem herkömmlichen Weg über das Papier gar nicht möglich, auch, weil diese meist Analphabeten sind.

„Dieser direkte Draht ist sehr wichtig“, erklärt Philippe Saner von der Paul Reinhart AG, die gemeinsam mit der Alliance Ginneries Ltd aus Tansania und Sambia sowie Ivoire Coton aus Côte d’Ivoire im „Cotton4Impact“-Projekt arbeitet. „Die direkte Kommunikation nämlich ermöglicht es uns, wichtige Informationen direkt zu den Bäuerinnen und Bauern zu transportieren.“ Saner meint damit unter anderem Hinweise zu besseren Agrarpraktiken, die es den Produzent*innen erlauben, auch in Zeiten des Klimawandels höhere Erträge zu erwirtschaften. Oder aktuelle Wetterdaten, um die Aussaat und die Bewirtschaftung der Felder auf das zu erwartende Wetter abzustimmen.

Die letzte Meile: Von der Entkörnungsfabrik direkt aufs Feld

Ein Teil der Lieferkette für die Baumwolle, die die Paul Reinhart AG importiert, ist schon digitalisiert. Von der Entkörnungsfabrik über die Spinnerei und den Importeur lässt sich der Weg der Baumwolle bereits nachweisen. Das reicht aber nicht mehr aus, um gesetzlichen – und moralischen – Sorgfaltspflichten in den Lieferketten nachzukommen. Eigentlich will man bis aufs Feld, doch das ist bei Baumwolle nicht ganz so einfach. Die Entkörnungsfabriken kaufen sowohl bei einzelnen Bäuerinnen und Bauern ein, die ihre Rohbaumwolle in Säcken verpacken, als auch bei Sammelstellen, wo Baumwolle von verschiedenen Feldern gesammelt wird. Um die Rückverfolgungslücke zu schließen, haben die Entkörnungsfabriken begonnen, die Daten der einzelnen Produzent*innen zu erfassen. Mit ihnen ist das Verfahren nicht nur abgesprochen, es wurde gemeinsam entwickelt.

Allein in Côte d’Ivoire beschäftigt Ivoire Coton mehr als 250 Mitarbeiter*innen, die die Aktivitäten von rund 40.000 Bäuerinnen und Bauern betreuen. Sie erfassen soziale, wirtschaftliche und technische Informationen der Produzent*innen und Genossenschaften mit Hilfe von Tablets. Wie groß sind die Felder, die bewirtschaftet werden, und wer arbeitet auf der kleinen Farm mit? Wie alt ist die Bäuerin oder der Bauer, wie viele Kinder in welchem Alter leben im Haushalt und wie hoch sind die Erträge, die Jahr für Jahr erzielt werden? Darüber hinaus wird erfasst, welche Schulungen zu nachhaltigeren Anbaumethoden der Bauer oder die Bäuerin erhalten hat.

“Wir gewinnen dadurch Transparenz und vereinfachen die Verwaltung der Feldaktivitäten und der gesamten Geschäftseinheit, wodurch die Betriebskosten auf dem Feld gesenkt werden.”

Boaz Ogola Abiero,
Geschäftsführer der Alliance Ginneries Ltd.

Digitalisierung schafft Transparenz und senkt die Kosten

„Auf Grundlage dieser Daten können wir nicht nur die Lieferkette nachverfolgen, wir können die Landwirtinnen und Landwirte beraten und notwendige oder gewünschte Schulungen organisieren“, erklärt Boaz Ogola Abiero, Geschäftsführer der Alliance Ginneries Ltd, die im Norden von Tansania ansässig ist. Bis zum Projektende im November 2024 sollen alle Bäuerinnen und Bauern mit ihren Daten in der Farm App erfasst sein, hofft Abiero. „Wir gewinnen dadurch Transparenz und vereinfachen die Verwaltung der Feldaktivitäten und der gesamten Geschäftseinheit, wodurch die Betriebskosten auf dem Feld gesenkt werden.“

Weniger Kosten für die Bewirtschaftung der Felder ist der eine Vorteil für die Produzent*innen. Der andere ist die Verfügbarkeit von Informationen, die ohne das Cotton4Impact-Projekt nur schwer zugänglich wären. Allerdings ist die mobile Infrastruktur in den entlegeneren Gebieten in Côte d’Ivoire noch eine große Herausforderung. „Einige unserer Mitarbeiter müssen andere Orte aufsuchen, um die gesammelten Daten zu übermitteln, da sie sich in Gebieten befinden, die nicht vom Mobilfunknetz abgedeckt sind”, erzählt Vassiriki Kone von Ivoire Coton. Auch können wegen des fehlenden Zugangs einige Bäuerinnen und Bauern bislang nicht direkt mit Informationen versorgt werden, sondern nur über die Landwirtschaftsberater. Dass manche der Landwirtinnen und Landwirte nicht immer ausreichend lesen können, hat der Entkörnungsbetrieb auf einfache Weise gelöst: Informationen zu guten Agrarpraktiken und Wetterdaten werden in Zukunft als Sprachnachrichten verschickt. So können zumindest alle Zuliefererbetriebe des Entkörnungsbetriebs, die in Gegenden mit Mobilfunk liegen, von den digitalen Innovation profitieren.

Zurück zur ersten Geschichte:

Das Projekt Cotton4Impact arbeitet daran, die Lieferkette der Baumwolle über die Spinnereien und die Entkernungsfabriken bis zurück auf die Felder einzelner Bäuerinnen und Bauern lückenlos zurückzuverfolgen. Die erste Geschichte erzählt von den Anfängen – wer daran beteiligt ist und warum es überhaupt ins Leben gerufen wurde.

 

 


Cotton4Impact wird im Rahmen der Sub-Saharan-Cotton-Initiative vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert und von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt.